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Sandstein, Flechten, Hexenkreis
Komplett-Analyse der uralten Georgskirche durch Aplerbecker Gymnasiasten

Von Matthias Korfmann
Aplerbeck. Das winzige Wesen gleicht der Steinlaus von Loriot. Irme Blotenberg (18) hat das Tierchen unter dem Mikroskop entdeckt. Es lebte auf einer Kirchenmauer. Ob es - wie die Laus des Humoristen - ein Gotteshaus zum Einsturz bringen kann? Irme und ihre Mitschüler werden dies und noch viel mehr herausfinden. Sie analysieren die Georgskirche. Ihren Zustand, ihre Geschichte, ihre Zukunft.

170 Schüler des Gymnasiums an der Schweizer Allee aus Mittel- und Oberstufe nehmen im laufenden Schuljahr ein 900 Jahre altes romanisches Baudenkmal aus der Nachbarschaft unter die Lupe. Und das gründlich. Angehende Biologen legen Flechten unter das Mikroskop, die jungen Physiker messen, wie Wasser, Hitze und Kälte den Stein verändern. Gottesglaube und Legenden rund um die Georgskirche stehen im Religionsunterricht auf dem Stundenplan. Vom ersten Ochsenkarren, auf dem der gründe Sandstein einst von Anröchte nach Aplerbeck rollte, bis zur aktuellen Warnung vor dem Verfall des Gemäuers reicht diese unterrichtsübergreifende Komplettanalyse.

Mit "Die alte Kirche im Dorf" ist die Bewerbung überschrieben, die die Schule im Sommer der Deutschen Stiftung Denkmalschutz geschickt hat. "denkmal aktiv" heißt der Wettbewerb der Stiftung, und das Aplerbecker Gymnasium wird als eine von elf Schulen in NRW für das Projekt gefördert. Es geht letztlich darum, die Kirche im Dorf zu lassen, Schüler für ein schützenswertes Kulturgut zu sensibilisieren. Der Aplerbecker Geschichtsverein mit dem örtlichen Denkmalpfleger Siegfried Liesenberg war Wegbereiter für das Projekt, das Stadtbezirksmarketing gab 500 Euro für Messinstrumente, Wissenschaftler bieten ihren Rat an.

"Wir können sehen und spüren, ob und wie ein Stein zerfällt", beschreibt Annika Koenen die Vorteile des Unterrichts zum Anfassen. Julian Mosler erzählt von einem Hexenkreis aus Pilzen, den die Pennäler vor dem Fraueneingang der Kirche entdeckten. Eine natürliche Erscheinung, die aber im Mittelalter ein Fahrschein zum Scheiterhaufen sein konnte. "Die Schüler sitzen nicht nur in der Klasse, sondern können selbständig forschen", freuen sich die Projektleiter Dr. Christiane Weigelt (Biologie/Chemie) und Helmut Hartel (Physik). Sogar im Englischunterricht hält die Georgskirche Einzug. Die Forschungsergebnisse sollen anderen europäischen Schulen übermittelt werden. "Schulen auf Zypern haben Interesse angemeldet. Dort gibt es nämlich vergleichbare romanische Kirchen", sagt Schulleiterin Inge Levin. Für die europäische Dimension des Projektes werden die Aplerbecker im Februar mit einem Sonderpreis geehrt.

Verraten werden die Ergebnisse bis zum Schuljahresende nicht. Aber Biologin Weigelt lässt schon mal durchblicken, dass die Krustenflechten an der Kirche Indikatoren für Schadstoff belastete Luft seien. Schlechte Luft, bröselnder Stein - der Georgskirche scheint es dreckig zu gehen - mit oder ohne Steinlaus.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 12.12.03




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